Doppelter Demografiefaktor

Pressemeldung — 15.10.2010

Der Ärztemangel in Deutschland schreitet voran. Im Jahr 2020 soll es 7.000 Hausärzte weniger geben, laut einer aktuellen Arztzahlstudie, die die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und die Bundesärztekammer (BÄK) kürzlich vorgestellt haben. „In den nächsten zehn Jahren scheiden rund 3800 Allgemeinärzte / praktische Ärzte und rund 800 hausärztlich tätige Internisten in Bayern aus“, betonte Dr. Max Kaplan, 1. Vizepräsident der Bayerischen Landesärztekammer (BLÄK) anlässlich des 69. Bayerischen Ärztetags in Fürth. Derzeit gibt es in Bayern 9.181 Hausärzte, 7.551 Fachärzte für Allgemeinmedizin / praktische Ärzte und 1.630 hausärztlich tätige Internisten.
Generell ginge es um die „Auflösung des Paradoxons Ärztemangel bei steigenden Arztzahlen“. Da jedes Jahr weiter steigende Arztzahlen in der Statistik ausgewiesen werden – auch in Bayern – sei es zwingend notwendig, die Gründe darzulegen, warum dennoch gleichzeitig ein Ärztemangel herrsche. Die Lücken in der ambulanten und stationären ärztlichen Versorgung würden immer größer. Dieser Trend ergebe sich unter anderem aus dem Durchschnittsalter der Ärzte, das im Erhebungsjahr 2009 bundesweit bei 51,92 Jahren lag und dem Nachwuchsmangel. In Bayern liegt das durchschnittliche Hausarztalter derzeit bei 52,5 Jahre. 2.096 (23 Prozent) der bayerischen Hausärztinnen und -ärzte sind über 60 Jahre. Bei den Allgemeinärzten liegt der Gipfel in der Altersverteilung bei 58 Jahren. Knapp 50 Prozent der Allgemeinärzte sind 54 Jahre und älter. Stelle man der Zahl der Abgänge (ca. 4.600 bayerische Hausärzte) die voraussichtlichen Zugänge (ca. 3200 Hausärzte) bis zum Jahr 2020 gegenüber, so werde es dann in Deutschland knapp 7.000 Hausärzte (Bayern: 1.400) weniger geben als bisher. „Diese Zahlen sind alarmierend“, betonte Kaplan. „Schon heute sind 33 Planungsbereiche von 79 in Bayern für Hausärzte zur Niederlassung offen. Insgesamt 153,5 Hausarztsitze warten auf einen Nachfolger und könnten im Rahmen der jetzigen Bedarfsplanung nachbesetzt werden, so der 1. Vize, der – seit dem Rücktritt des Präsidenten – satzungsgemäß die BLÄK führt.
Niemand könne noch bestreiten, dass wir uns auf dem Weg in eine Wartelistenmedizin befänden. Da mache Bayern keine Ausnahme. Auch in den Kliniken seien deutschlandweit 5.500 Stellen (Bayern etwa 750) unbesetzt. Die angespannte Personalsituation werde sich weiter verschärfen. In zehn Jahren gingen fast 20.000 Ober- und Chefärzte (Bayern: rund 2800) altersbedingt in den Ruhestand.
Bereits im Studium starten die Probleme. Im Jahr 2008 gab es insgesamt 76.042 Medizinstudenten, über 60 Prozent von ihnen sind Frauen. Doch längst nicht alle beenden ihr Studium. In den Jahren 2003 bis 2008 haben von 61.511 Studienanfängern 10.996 (17,9 Prozent) ihr Studium nicht abgeschlossen, was etwa einem kompletten Anfängerjahrgang entspricht. Zudem arbeiten 5.854 Absolventen (11,6 Prozent) entweder nicht als Arzt oder sind direkt nach dem Studium ins Ausland gegangen. „Die Zahlen belegen, dass der ärztliche Nachwuchs oft andere Lebensperspektiven hat“, sagte Kaplan. Sie stellten sich intensiver familiären Aufgaben. Das bedinge, dass sie weniger Arbeit pro Zeiteinheit zur Verfügung stellen könnten. So sei die Zahl der Krankenhausärztinnen und -ärzte zwischen 2000 und 2007 bundesweit um acht Prozent gestiegen, gleichwohl sei das Arbeitsvolumen um 0,3 Prozent gesunken. Ursächlich seien dafür u.a. einschlägige gesetzliche Regelungen, wie das Arbeitszeitgesetz, welches das Einhalten von Arbeitszeiten und einen deutlichen Abbau von Überstunden fordert. Weitere Ursachen liegen in der veränderten Lebensplanung der jungen Ärztinnen und Ärzte.
„Ärztliche Arbeit muss sich lohnen – privat und finanziell“, forderte Kaplan Es ginge um die Motivation einer ganzen Generation nachkommender Ärztinnen und Ärzte. Eine Gesellschaft des langen Lebens brauche engagierte Ärztinnen und Ärzte in Klinik und Praxis und nicht in anderen Berufsfeldern, sonst leide die gesundheitliche Versorgung in Deutschland und auch in Bayern. In diesem Zusammenhang wies der Vize auf den „doppelten Demografiefaktor“ hin: In der Ärzteschaft nehme der Anteil der älteren Ärztinnen und Ärzte stetig zu und in der Gesamtbevölkerung sei der Anteil der über 59-Jährigen von 1991 bis 2008 um ein Fünftel angestiegen.

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