Gesundheitspolitische Reformen müssen sich daran messen lassen, ob sie die Versorgung der Patientinnen und Patienten tatsächlich verbessern und im Praxis- und Klinikalltag funktionieren. Das fordert der 85. Bayerische Ärztinnen- und Ärztetag in Berchtesgaden in seinem Beschluss „Für eine versorgungsorientierte Gesundheitspolitik“. Die Delegierten sprechen sich unter anderem für bessere Rahmenbedingungen für die Niederlassung, eine bedarfsgerechte Krankenhausplanung, eine stärkere ärztliche Koordination der Patientenversorgung sowie eine frühzeitige Förderung von Gesundheitskompetenz und Prävention in Schulen aus. „Ärztinnen und Ärzte tragen täglich Verantwortung für die medizinische Versorgung. Sie erleben unmittelbar, wie sich gesetzliche Vorgaben auf die Behandlung der Patientinnen und Patienten und auf die Versorgungsstrukturen auswirken. Ihre praktischen Erfahrungen und ihre fachliche Expertise müssen deshalb von Beginn an in gesundheitspolitische Reformprozesse einfließen. Reformen dürfen nicht an der Versorgungsrealität vorbeigehen.“, erklärt Dr. Gerald Quitterer, Präsident der Bayerischen Landesärztekammer (BLÄK).
Ambulante Versorgung stärken und Niederlassung attraktiver gestalten
Eine leistungsfähige ambulante Versorgung braucht verlässliche Rahmenbedingungen. Der Ärztetag fordert deshalb gezielte Fördermaßnahmen für die Niederlassung und eine nachhaltig gesicherte ärztliche Vergütung. Budgetierungen und Degressionen, die bei steigenden Fallzahlen zu einer sinkenden Vergütung zusätzlicher Leistungen führten, sieht der Ärztetag kritisch. Diese seien mit einer bedarfsgerechten Versorgung nicht vereinbar. Die Vergütungsbedingungen müssten so gestaltet sein, dass ausreichende Behandlungskapazitäten erhalten und geschaffen werden können. Zugleich müsse die ambulante Tätigkeit auch für den ärztlichen Nachwuchs attraktiv bleiben.
Krankenhausplanung am Versorgungsbedarf ausrichten
Bei der Weiterentwicklung der Krankenhauslandschaft muss nach Auffassung des Ärztetages die Versorgung der Bevölkerung im Mittelpunkt stehen. Krankenhausplanung und -finanzierung müssten den tatsächlichen Bedarf und die regionalen Besonderheiten berücksichtigen. Entscheidend seien dabei die Erreichbarkeit medizinischer Leistungen sowie eine verlässliche Notfall- und Facharztversorgung. Auch die ärztliche Weiterbildung müsse gesichert bleiben.
Veränderungen von Krankenhausstandorten und Versorgungsstrukturen dürften nicht dazu führen, dass notwendige Weiterbildungskapazitäten für den ärztlichen Nachwuchs verloren gingen.
Patientenversorgung ärztlich koordinieren
Der 85. BÄT spricht sich für eine stärkere Patientensteuerung und ein ärztlich getragenes Primärversorgungssystem aus. Hausärztinnen und Hausärzte sollten dabei eine zentrale koordinierende Rolle übernehmen. Gleichzeitig müsse gewährleistet sein, dass Patientinnen und Patienten entsprechend ihrer individuellen medizinischen Situation die jeweils erforderliche Versorgung erreichen können. Ein leistungsfähiges Primärversorgungssystem dürfe keine starre Zugangshürde schaffen. Entscheidend seien vielmehr eine enge Zusammenarbeit zwischen haus- und fachärztlicher Versorgung sowie die medizinische Notwendigkeit des jeweiligen Versorgungswegs. Maßgeblich müsse die ärztliche Einschätzung sein.
Klima- und Hitzeschutz im Gesundheitswesen stärken
Klimaschutz, Klimaanpassung, Hitzeschutz und Nachhaltigkeit müssen nach Ansicht der Delegierten von Beginn an in gesundheitspolitische Gesetze und Regelungen einfließen. Medizinische Einrichtungen benötigten die notwendigen Rahmenbedingungen, um wirksame Schutz- und Anpassungsmaßnahmen umzusetzen. Dabei seien die unterschiedlichen Voraussetzungen und Handlungsmöglichkeiten der ambulanten und stationären Versorgung zu berücksichtigen.
Gesundheitskompetenz und Prävention in Schulen verankern
Der 85. BÄT fordert, Gesundheitswissen und Prävention stärker in den Schulen zu verankern. Schülerinnen und Schüler sollten befähigt werden, Gesundheitsinformationen einzuordnen, gesundheitliche Risiken zu erkennen und eigenverantwortlich gesundheitsfördernde Entscheidungen zu treffen. Zu den zentralen Themen zählten Ernährung, Bewegung, psychische Gesundheit, Suchtprävention, der Umgang mit digitalen Medien sowie die gesundheitlichen Folgen des Klimawandels und der Hitzeschutz. Die Inhalte sollten in die bestehenden Lehrpläne integriert und fächer- sowie jahrgangsübergreifend vermittelt werden.
Weitere zentrale Anliegen der Delegierten sind eine rasche Reform der ärztlichen Approbationsordnung und eine systematische, frühzeitige Abschätzung der Auswirkungen gesundheitspolitischer Vorhaben, bevor neue gesetzliche Regelungen erlassen werden. Zudem spricht sich der Ärztetag klar gegen die Übertragung originär ärztlicher Heilkunde auf andere Gesundheitsberufe aus.
Der Bayerische Ärztinnen- und Ärztetag ist die Delegiertenversammlung der BLÄK. Die 63 Ärztlichen Kreis- und acht Bezirksverbände sowie die sechs medizinischen Fakultäten der Landesuniversitäten entsenden insgesamt 180 Delegierte zu der mindestens einmal im Jahr tagenden Versammlung.
Pressemitteilung: Gesundheitspolitische Reformen müssen die Versorgung verbessern