Dr. Max Kaplan, Vizepräsident der Bayerischen Landesärztekammer (BLÄK), zeigte sich vor dem 67. Bayerischen Ärztetag in Ingolstadt besorgt über die aktuelle Entwicklung beim Hausärzte-Nachwuchs. Absolut ges-hen sei die hausärztliche Versorgungsdichte in Bayern in den vergangenen Jahren in etwa gleich geblieben. Ende 2008 entfielen auf jeden berufstätigen Allgemeinarzt/prakt. Arzt 1.486 Einwohner. Im Jahr 2000 waren es 1.467 Einwohner pro Allgemeinarzt/prakt. Arzt. Kaplan betonte jedoch: „Auf den ersten Blick zeigt die Statistik ein gutes Versorgungsbild, problematisch ist jedoch die Entwicklung beim hausärztlichen Nachwuchs“. Vor allem bei den jungen Hausärztinnen und Hausärzten unter 40 Jahren sei seit dem Jahr 2000 ein Rückgang von 64 Prozent zu verzeichnen gewesen. Demgegenüber stieg die Zahl der über 60-jährigen Hausärztinnen und -ärzte seit 2000 um fast 150 Prozent an. „Diese Zahlen zeigen deutlich die Sprengkraft der demografischen Entwicklung innerhalb der Hausärzteschaft“, so Kaplan. Wenn diese Entwicklung so weitergehe, dann könne das dramatische Folgen für die Patientenversorgung in Bayern haben. Das werde sich laut Kaplan zuerst in den strukturschwachen Regionen, also auf dem Land, bemerkbar machen. Kaplan wies aber auch auf eine sehr erfreuliche Entwicklung hin: „Der Anteil der Hausärztinnen hat seit 2000 um zwölf Prozent zugenommen“. Besonders Hausärztinnen stünden vor der großen Herausforderung, Beruf und Familie zu vereinen. Diese Entwicklung stelle auch weiterbildende Hausärzte vor neue organisatorische Herausforderungen. Auch bezüglich der Versorgungsformen seien neue Modelle gefragt. Gerade junge Kolleginnen und Kollegen interessierten sich verstärkt für ein Angestelltenverhältnis mit neuen Arbeitszeitmodellen. Praxisgemeinschaften und ärztlich geführte Medizinische Versorgungszentren (MVZ) würden künftig an Attraktivität gewinnen, ist sich der Vize sicher. Auch die jetzige Bedarfsplanung sei zu hinterfragen: entweder müsse die kleinräumiger gestaltet werden, um den Erfordernissen der Patientenversorgung gerecht zu werden oder gar ganz entfallen.
Perspektivenwechsel gefordert
Kaplan forderte vor dem Bayerischen Ärztetag auch einen Perspektivenwechsel in der deutschen Gesundheitspolitik: „Die Gesundheit des Menschen muss wieder mehr im Mittelpunkt stehen“. Dazu sei es unter anderem notwendig, die gesundheitsbezogenen Leistungserbringer untereinander ganzheitlich zu vernetzen und mit allen anderen gesundheitsrelevanten Akteuren zu kooperieren. Der Hausarzt könne und solle dabei die Federführung übernehmen und die Gesamtverantwortung tragen. Es sei wichtig, auf Megatrends wie Globalisierung, Europäisierung und den demografischen Wandel entsprechend gut vorbereitet zu sein.
Dazu sei es notwendig, dass die verantwortlichen Politiker endlich aufwachten und die für die Patientenversorgung gefährlichen Entwicklungen koordinierend in die Hand nehmen würden, so Kaplan. Das deutsche Gesundheitswesen gelte als eines der besten der Welt – durch eine „Vogel-Strauß-Politik“ des Wegschauens und Ignorierens könne sich das schnell ändern.
Unterversorgung auf dem Land
Kaplan erwartet ein Konzentrationsszenario, falls nicht rechtzeitig gegengesteuert werde: „Es kommt zu einem Konzentrationsprozess in der Gesundheitsversorgung und wichtige medizinische Leistungen werden nur noch in Ballungsgebieten oder lokalen Gesundheitszentren erbracht“. Wolle man die bewährte dezentrale hausärztliche Versorgung aufrecht erhalten, müsse ein mit allen Betroffenen abgestimmter Masterplan auf die Füße gestellt werden. Dazu gehörten finanzielle Maßnahmen, wie zum Beispiel höhere Vergütungen, Anschubfinanzierung für Praxisgründung und -übernahme, zinsgünstige Darlehen oder Steuererleichterungen. Doch nur mit Geld allein lasse sich das Problem nicht lösen. Zu einem ganzheitlichen Konzept gehörten auch Strukturmaßnahmen, wie zum Beispiel die Sicherstellung eines entsprechenden Kinderbetreuungs- und Schulangebotes oder eine gute Anbindung an den öffentlichen Personennahverkehr. Wichtig seien für Kaplan auch bildungspolitische Maßnahmen, wie beispielsweise die Einführung berufsrelevanter Klausuren statt Numerus Clausus oder Stipendien, die an eine Verpflichtung zur späteren Tätigkeit in der Patientenversorgung für eine gewisse Zeitspanne, gekoppelt seien. Insgesamt müsse der Beruf des Hausarztes für Jüngere wieder attraktiver werden. „Wird das erreicht, dann stellt sich die notwendige Motivation des hausärztlichen Nachwuchses ganz von selbst ein“, ist Kaplan überzeugt.
Eine klare Absage erteilte Kaplan allen Tendenzen, den drohenden Hausärztemangel durch andere Gesundheitsberufe, wie zum Beispiel die „Gemeindeschwester AGNES“, zu kompensieren. Keine Antwort auf die Kardinalsfrage, „Wie soll die Gesundheitsversorgung künftig auf dem Land gestaltet sein?“ könne jedenfalls die Krankenschwester mit universitärer Ausbildung (K-UNI) geben. „In der Patientenversorgung müssen wir den Facharztstandard aufrecht erhalten“, so Kaplan. Nichts spräche jedoch gegen vielfältige Kooperationen mit den Gesundheitsberufen und deren Weiterqualifizierung auf akademischem Niveau.